Stolpersteine in Mannheim

StolpersteineStolpersteine in Mannheim

Ein Projekt der NaturFreunde Mannheim

Antifaschistische Gedenkstätten sind Teil Mannheims

StolpersteineAm Mannheimer NaturFreundehaus Kohlhof wird mit einem Gedenkstein an NaturFreunde erinnert, die währen der Nazizeit aus ethnischen, politischen und anderen Gründen verfolgt wurden.

Insgesamt wurden 13 Mannheimer NaturFreunde zu 45 Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, sechs zu acht Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt, zwei wurden ermordet.

In Mannheim gibt es antifaschistische Stadtrundgänge bzw. Rundfahrten. Sie erinnern und mahnen an verschiedenen Gedenkstellen an den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und die Verfolgung von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, an ethnische Verfolgung und Vernichtung. Initiiert haben dieses Projekt der Arbeitskreis Justiz, der DGB, Region Rhein-Neckar und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), Unterstützer er sind der Stadtjugendring, der Verein KZ-Gedenkstätte Sandhofen sowie der AK Antifaschismus im Jugendzentrum.


StolpersteineAm Lechleiterplatz, am Denkmal für die Ermordeten der Lechleitergruppe beginnt der Rundgang. Die Lechleitergruppe war während des Krieges die größte Widerstandsgruppe im Süden Deutschlands. um den ehemaligen KPD-Landtagsabgeordneten Georg Lechleiter hatten sich Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilose gesammelt. Sie unterstützten Angehörige von Inhaftierten, sammelten politische Informationen von BBC London und Radio Moskau, tauschen diese aus. Sie arbeiteten in verschiedenen Mannheimer Betrieben sowie in der Heidelberger Klinik. Mit Beginn des Überfalls der Nazis auf die Sowjetunion 1941 brachte die Gruppe die illegale Zeitung "Der Vorbote" heraus: Das Motto war: "Hitler hatte den Krieg begonnen - Hitlers Sturz wird ihn beenden". Die Antifaschisten berichteten über den tatsächlichen Verlauf des Krieges; wie das Kapital am Krieg verdiente, während die Bevölkerung immer mehr unter ihm litt: materiell und personell. Die Todesanzeigen in den Zeitungen nahmen ganze Seiten ein. Sie sprachen für sich. Die Nazi-Gegner schrieben von ihrer Vision eines demokratischen und sozialistischen Deutschlands. Verteilt wurde die hektografierte Zeitung an Freunde, Bekannte und Kollegen. Die 5. Ausgabe war in Vorbereitung. Da schlugen die Nazis zu. Über Zuträger war die Zeitung bis nach Berlin zur Gestapo gelangt. Die Gruppe war verraten worden. Am 24. Februar 1942 wurden ca. 60 Personen in Mannheim und Heidelberg verhaftet. 32 von ihnen wurden im Mai bzw. Oktober verurteilt: 19 zum Tode, andere bekamen hohe Zuchthausstrafen, kamen ins KZ oder ins Strafbataillon 999, Drei waren während der Verhöre ermordet bzw. in den Tod getrieben worden.

Unter den zum Tod Verurteilten waren die Sozialdemokraten Käthe und Alfred Seitz, der Vater von Käthe, Philipp Brunemer, die Kommunisten Georg Lechleiter, Rudolf Langendorf, Jacob Faulhaber (NaturFreund), die Parteilosen Robert Schmoll und Rudolf Maus, die ehemalige KPD- Stadtverordnete Henriette Wagner und andere. Ihrer wird jedes Jahr stellvertretend für alle Nazi-Opfer am 15. September, dem Todestag der ersten 14 Ermordeten gedacht.

StolpersteineEs geht weiter, zum Hauptbahnhof: am Wegweiser "Gurs 1160 km" wird an die Deportation von 6.500 badischer und Pfälzer Juden, darunter 2.000 aus Mannheim am 22./23. Oktober 1940 erinnert. Zwischen 20 und 60 kg Gepäck und 100 Reichsmark durften diese Menschen mitnehmen. Zwei Stunden hatten sie Zeit. In neun Zügen, vierter Klasse, Holzpritschen wurden sie nach Gurs in den Pyrenäen verschleppt. Ohne Essen, ohne Wasser, bei Öffnen der Fenster wurde ihnen mit Erschießung gedroht: Kindern, Jugendlichen, Frauen, Männer, Alte. Das Lager in Gurs war Zwischenstation nach Auschwitz, zwei Jahre später. Dann ging der Transport wieder über Mannheim nach Auschwitz in die Vernichtung. Nur wenige überlebten. Diesen Spuren ging eine Gruppe junger Mannheimerinnen und Mannheimer unter Leitung des Stadtjugendrings u.a. nach. In Erinnerung und Mahnung an den Transport, die Leiden und Vernichtung dieser Menschen brachten die Jugendlichen vor dem Bahnhof den Wegweiser "Gurs 1160 km" an. Am 9. November wird dort jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung durchgeführt. Gehen wir weiter, zu den Lauerschen Gärten. Eine Tafel und drei Stolpersteine erinnern an den NaturFreund Adolf Doland, an Erich Paul und Hermann Adis. Sie wurden einen Tag vor dem Einmarsch der US-Truppen nach Mannheim erschossen. Mit dem Hissen der weißen Fahne wollten sie weitere sinnlose Todesopfer sowie die restlose Vernichtung der Stadt verhindern. Nach dem Krieg bekamen die Verantwortlichen der Erschießung nur geringe Strafen. Darüber gab es in der Bevölkerung großen Unmut.

StolpersteineDer Stadtrundgang führt am Schloss vorbei. Nach einem kurzen Rückblick auf den Bau des Schlossen 1760 wird auf die Zweckentfremdung durch die Nazis verwiesen. Dort warteten 1933 die ersten Verhafteten durch die Nazis im Untersuchungsgefängnis auf ihre Verurteilung bzw. den Abtransport ins KZ. Auch der 2. Senat des Volksgerichtshofes tagte am 14./15. Mai 1942 im Schloss und fällte 14 Todesurteile gegen Mitglieder der Lechleitergruppe, fünf weitere folgten im Oktober des gleichen Jahres. Der Prozess war öffentlich, er sollte abschrecken. Der vorsitzende Richter Engert drohte den anwesenden Frauen der Angeklagten: sollten sie "durch Weinen, Schluchzen oder dergleichen stören" würden sie auf der Stelle ins Lager kommen.

Wenige Schritte weiter erinnert eine Stele an die Opfer des Mannheimer Sondergerichts. Es tagte im heutigen Amtsgericht ebenfalls im Schloss. Insgesamt sind 12 000 Verfahren beim Generallandesarchiv in Karlsruhe dokumentiert. Manche Anklage hatte nichts mit politischer Gegnerschaft zu den Nazis zu tun.

Trotzdem wurden 76 Menschen zum Tode verurteilt. Das ergaben Nachforschungen des Arbeitskreises Justiz. Das Aufstellen der Stele erreichte ebenfalls dieser Arbeitskreis. Das Sondergericht verhandelte vor allem sogenannte Bagatellfälle. "Äußerungs- und Heimtückedelikte" - was immer das auch war -. Schwarzschlachtungen, Verfahren gegen "Volksschädlinge" u.a. mehr. Biertischgespräche abhören von "Feindnachrichten" landeten vor dem Sondergericht, genannt "Abwehr von heimtückischen Angriffen auf die Regierung" oder "zum Schutz von Volk und Staat". Ein Todesurteil wurde u.a. gegen Wilhelm Hartnagel gefällt, weil er sechs Flaschen Wein aus einem Trümmergrundstück gestohlen haben soll. Seine Frau bekam wegen "Beihilfe" vier Jahre Zuchthaus. Für beide wurde ein Stolperstein verlegt. Selbst nach Freisprüchen durch das Sondergericht wurde die Betroffene oftmals an der Saaltür von der Gestapo oder SS erneut verhaftet und in KZ verschleppt.

An der Jesuitenkirche wird an Pater Alfred Delp erinnert. Er wuchs in Mannheim auf und gehörte zum "Kreisauer Kreis", Nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet, hatte nichts mit dem Attentat auf Hitler zu tun, trotzdem wurde er zum Tode verurteilt und am 22. Februar 1945 in Berlin hingerichtet. Der Rundgang endet vorerst mitten in der Stadt am Glas-Kubus zum Gedenken an die jüdischen Bürger Mannheims. 2.300 Namen sind am Kubus zu lesen. Hinter jedem Namen steht ein furchtbares Schicksal. Mit dieser namentlichen Erwähnung sollten die ehemaligen jüdischen Mitbürger symbolisch in die Stadt zurück geholt werden. Auch sie erinnern und mahnen: nie wieder!

Der Stadtrundgang wird weiter entwickelt: Da ist die Gedenktafel für die ermordeten Sinti und Roma, Ihr Verband arbeitet gerade ihre Mannheimer Geschichte auf. Die ehemaligen Büros von SPD, KPD und der Gewerkschaften sollen mit einbezogen werden. Das Stadtarchiv arbeitet derzeit an einer Zusammenstellung der über 500 Mannheimer Euthanasie-Opfer. Die KZ-Gedenkstätte Sandhofen, in der Leben und Leiden von über 1000 polnischen Zwangsarbeiter dokumentiert ist, ist bereits Ziel von Gedenken.

An vielen Stellen kann in Mannheim erinnert und gemahnt werden: Nie wieder! Im Rahmen der Aktion "Stolpersteine", in Mannheim von den NaturFreunden initiiert, wird an Menschen aller Opfergruppen gedacht.

Die Täter werden auch namentlich benannt, vor allem der Aufstieg vieler nach dem Krieg, das ist jedoch eine eigene Geschichte.

Elke Kammigan-Bentzinger, NaturFreunde Mannheim

Website | Stolpersteine Mannheim